Auf dem Trailride lief ein Kojote

Auf dem Trailride lief ein Kojote

Nach meinem Abitur 2017 habe ich mir vor genommen, mir erstmal ein Jahr Pause zu nehmen und habe überlegt was ich mit der Zeit anfangen könnte – Pferde rund um die Uhr, Auslandserfahrung und Englischverbesserung? Passt perfekt, also los 6 Wochen auf eine Ranch nach Kanada!

Nach einer anstrengenden Nachtbusfahrt erreichten eine andere Teilnehmerin und ich um 3:30 a.m. das kleine Roblin, wo wir in einer süßen Pension eincheckten. Das Personal war wie überall in Kanada super nett – die Pensionschefin hat mich am Morgen sogar noch zu einer Drogerie mit ihrem Auto gefahren, nur damit ich nicht durch den Regen laufen muss.  Um 11 Uhr morgens wurden wir dann von der Farmleiterin und einer Pferdetrainerin abgeholt.

 

Bilderbuchvorstellung einer Farmerin

Die Leiterin der Farm entspricht optisch ziemlich genau meiner Bilderbuchvorstellung einer Farmerin die mitten im Nichts in Kanada lebt. Dreadlocks, weite Jeans, breites Lächeln. Von Ihrem Lifestyle her ebenso speziell – gleich am Anfang erklärt sie uns wieso sie vegan lebt: because milk is liquid cancer, and meat and cheese cause cancer – alles verursacht Krebs. Speziell, aber sehr nett. Von Roblin aus fahren wir 40 Minuten mitten durchs nichts, 30 Minuten sogar nur über Schotterwege. Dann kommen wir an der Farm an.

Meine Mitreisende, ich und 5 andere Helping guests bzw. Pferdetrainer wohnen in einer ausgebauten Scheune – ausgebaute Scheune ist  hier schon gut gesagt, denn es ist wortwörtlich so – während der Lebensgefährte der Leiterin in der Mitte der Scheune an seinem Quad herumschraubt, stehen hinter festgehämmerten Trennwänden daneben unsere Betten. Alles sehr improvisiert, meiner Meinung jedoch auch wie sich das gehört für ein echtes Ranchleben.

 

Hunde, Katzen, Esel, Kühe, Lamas und Pferde

Bei der Einführung werden uns von den anderen Mädels die Tiere vorgestellt, wo sich ganz schnell zeigt, dass die Ranchleiterin ein riesen Herz hat. Die Ranch besteht aus 5 Hunden, 2 Katzen, 2 Eseln, 2 Kühen, 3 Lamas und um die 40 Pferde. Von allen Tieren sind gut die Hälfte Sozialfälle, die die Chefin aus schlechter Behandlung,  freier Wildbahn oder anderen schlechten Umständen gerettet und wieder aufgepäppelt hat. Generell haben die Tiere es hier so gut wie nur irgendwie möglich. Ich habe noch nie so eine artgerechte Haltung erlebt – wobei man dazusagen muss, dass hier mit 250 Hektar Land außenrum natürlich auch der Platz dafür ist.

 

Sehr viel über Natural Horsemanship gelernt

In den kommenden Wochen habe ich dann unglaublich viel erlebt. Wir haben sehr sehr viel über das gentle horsemanship gelernt, was mir – wie ich zugeben muss – nochmal eine ganz neue Perspektive des Reitens und des Umgangs mit Pferden aufgezeigt hat, da ich selbst immer englisch bzw. Dressur geritten bin. Die Beziehung zu den Pferden basiert auf 100 prozentigem Vertrauen und das ganz ohne Druck oder Zwang im Umgang. Man darf als erfahrener Dressurreiter nicht erwarten, sich dort aufs Pferd zu setzen und direkt als fortgeschritten zu gelten. Ich habe trotz 8 Jahren Reiterfahrung wieder bei Null angefangen und hatte erst kurz vor meiner Abreise das Gefühl, solangsam die Basics zu beherrschen. Trotzdem ist es nicht so, dass du dort wie ein Anfänger behandelt wirst, es wird dir lediglich eine neue Perspektive aufgezeigt.

Mein normaler Tagesablauf war relativ vollgeplant, wodurch die Zeit auch so schnell umging: Nach dem Frühstück gings raus an die Arbeit, d.h. Pferde füttern, das ganze Gelände abmisten, Tränken füllen und im Garten helfen. Nach 4 Stunden dann schnell umziehen und zum veganen Mittagessen, welches immer unglaublich lecker war. Danach gabs eine kurze Mittagspause, nach welcher  wir dann meistens ausreiten waren. Das Gelände dort ist wunderschön, mit einem riesigen angrenzenden See und lauter wilden Tieren.

 

Die Unterhaltung auf der Ranch sind die Tiere

Die Unterhaltung auf der Ranch waren generell hauptsächlich die Tiere – man sieht aber auch einfach alles. Das komplette Gelände ist voller Erdmännchen, die überall Ihre Löcher graben und durch die Gegend rennen und von den Hunden dauerhaft gejagt werden. Sobald eins auftaucht schießen sofort alle 5 Hunde darauf zu und jeder steckt seinen Kopf in ein anderes Loch im Boden :D. Dann surren überall Kolibris durch die Gegend, die Esel und Lamas drehen Ihre Runden und schauen durch die Schlafzimmerfenster rein, und auf unseren Trailrides lief uns hier mal ein Kojote über den Weg und dort mal ein kleiner Bär.

Wir waren aber nicht immer nur auf der Ranch, auch wenn sie so abgelegen war. Einmal haben wir einen wunderschönen Tagesritt durch den in der Nähe gelegenen Nationalpark gemacht, wo wir dann auf einem Hügel mitgenommene Sandwichs und Müsliriegel gegessen haben und alles überblicken konnten. Ein anderes mal sind wir an einen großen See zum Sonnen und Entspannen gefahren, oder in ein Café im Ort in der Nähe.

Außerdem hatten wir, als ich ankam, gerade ein paar Fohlen bekommen. Jeder von uns durfte sich eins aussuchen und mit ihm arbeiten, d.h. vom ersten Mal Berühren über das erste Mal Putzen, bis hin zum Halftern und Führen. Ich muss sagen, das war eine meiner besten Erfahrungen dort. Die schnellen Fortschritte des „eigenen“ kleinen Fohlens mitzuerleben und zu beeinflussen war einfach ein unglaublich tolles Gefühl. Außerdem hat man durch die Fohlen noch schneller die Art des Gentle Horsemanships verinnerlicht – sobald ich eine Bewegung zu schnell gemacht habe oder mir ein anderer Fehler passiert ist, die Fohlen sind so scheu und sensibel, dass sie es dich sofort merken lassen.

 

Auf Kompromisse und Improvisationen einstellen

Die Crew dort ist sehr unkompliziert und locker und nach den 6 Wochen war ich echt traurig wieder zu gehen. Allerdings muss ich sagen, dass man sich, wenn man sich für das Farmstay entscheidet, auf viele Kompromisse und Improvisation einstellen muss. Das Bad + Dusche war von unserem Zimmer z.B. nur mit einem Vorhang abgetrennt, zwischendurch gab es immer wieder mal Strom und damit auch Wasserausfall und bei Regen und Stürmen wurde die Scheune „geflutet“. Außerdem war ich dort zu der Zeckenzeit und habe am Tag um die 30 Zecken aus allen Tieren und um die 5 bei mir selbst gezogen. Auch die Arbeit ist Farmarbeit, also körperlich anstrengend, wodurch man jeden Abend um 22 Uhr totmüde ins Bett fällt.

Wenn man jedoch auf diesen Lebensstil eingestellt ist und sich das zutraut kann man auf der Pferderanch eine echt schöne und erfahrungsreiche Zeit haben!

 

Alicia H. (20) aus der Nähe von Frankfurt/Main war im Mai 2018 für 6 Wochen Farmstay (Natural Horsemanship) in Manitoba.

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